Unbekannt

Mein Leben lang bin ich schon immer gern auf Friedhöfen gewesen. Ganz früher mit meiner Oma, ihre Verwandten besuchen, die ich alle nicht kannte, von denen es aber Geschichten gab, lustige, traurige, rätselhafte. Manchmal auch welche, die ich erst 20 Jahre später verstand, z.B. was es heißt, „an gebrochenem Herzen“ zu sterben. Als ich sechs war, erzählte mir meine Großmutter eben nicht, dass ihre Schwester ihre erste große Liebe verloren hatte, weil dieser Mann durch die ständigen enormen Kreislaufbelastungen als StuKa-Pilot einen Leberinfarkt bekommen und sich daher bei einer Übung mitsamt seinem StuKa senkrecht in den Erdboden gerammt hatte. Vielleicht war es aber auch der, der in einem Zug gesessen hatte, den die Alliierten nachts bombardiert haben. Von dem Zug und seinen Insassen blieben nur Stückchen übrig. Es ist aber auch egal, welcher Mann es war – Männer sind in unseren Familien auf die absurdesten Weisen zu Tode gekommen, die meisten dieser absurden Todesarten hatten mit den Kriegen zu tun. Die zweite Liebe meiner Großtante wollte sich partout nicht scheiden lassen und die letzte Liebe waren dann wohl Tabletten. Aber wie gesagt, früher erzählte mir meine Oma nicht so viele Details und mir gefiel einfach, dass diese Leute irgendwie noch da waren, obwohl sie schon lange weg waren. Außerdem konnte man mitten in der Stadt gärtnern. Der Friedhof in der Stubenrauchstraße grenzt direkt an den Schulhof meiner Grundschule, ich bin oft drübergebummelt und habe Eichhörnchen, Vögel und Omis beobachtet. Habe mich gegrault vor Kindergräbern und gleichzeitig gedacht, ach, wie schön, dass ich hier oben stehe. Ja, sorry, aber in meiner Familie gehörte der Tod immer irgendwie dazu, ich wusste früh, dass Menschen sterben, in sehr verschiedenen Altern ihres Lebens. Es war dann schlimm, aber irgendwie waren die, die noch da waren, eben immer auch ein bisschen froh, dass sie noch da waren. Und dass sie diesen Ort hatten, wo sie dann hingingen und mit und über Mutter, Tante, Bruder, Schwester, Freundin sprachen. Aber es gibt Bereiche auf Friedhöfen, die machen mich ratlos und ich gehe dennoch immer wieder hin. Ich stehe dann etwas instabil rum und frage mich, wie das sein kann. Es sind die Soldatengräber, 14-18, 39-45. Sie sind der einzige Bereich, der mir Angst macht. Früher, weil da Jungs liegen, die gerade Mal doppelt so alt waren wie ich, und ich war noch klein. Heute, weil da Jungs liegen, die meine Söhne sein könnten, oder eben halb so alt waren wie ich. Ich fand schon immer irre, dass so junge Menschen sich zu so großer Zahl haben erschießen lassen. Irgendwie ist dieses Kanonenfutter-Alter dann doch einfach eins, in dem stirbt man nicht, wenn nicht etwas so richtig schief läuft. Und bei so vielen gleichzeitig läuft normalerweise auch tatsächlich nix schief. Die Gräber, auf denen „Unbekannt“ steht, fand ich schon immer am schlimmsten. Denn da lag dann so ein Achtzehnjähriger irgendwo verdreht im Dreck, einen Bajonettstich im Herzen oder eine Kugel im Kopf, die Marke war weg und man hat ihm vermutlich noch die Stiefel ausgezogen und ihn dann auf irgendeinem Haufen zwischengelagert. Die Verwandten hatten keinen Ort, an den sie gehen konnten, dafür stehen nun Fremde vor ihm und wissen nicht, für wen sie traurig werden. Die Volkssturm-Gräber am Eingang des Stubenrauch-Friedhofs sind auch so kleine, schlichte Zeugen des Wahnsinns, da liegen dann die 75jährigen neben den Elfjährigen, und die Vorstellung, dass jemand Menschen wie meine Mutter und meinen Neffen mit einer Panzerfaust ausstaffiert und gegen die Rote Armee antreten lässt – sie ist so grotesk, dass ich drüber lachen muss, um nicht verrückt zu werden.

Ich gehe also wie gesagt gern auf Friedhöfe, überall auf der Welt, wo ich eben hinkomme. In Friedenau beharke ich mittlerweile meinen Vater und meine Großeltern, letztere liegen praktischerweise auf meiner Großtante, alle sind sehr nahrhaft und es grünt und blüht, dass sie eine Freude hätten oder irgendwo im Kosmos vielleicht tatsächlich haben. Ich grüße die Soldaten, wenn ich hinkomme, und rauche manchmal eine Zigarette bei ihnen. Ich verstehe sie immer noch nicht, aber ich habe irgendwie das Gefühl, diese Jungs schon mein Leben lang zu kennen, was ich ja gewissermaßen auch tue. In Brandenburg, kurz vorm Theater und direkt an der Havel, liegen wieder Soldaten; sie kenne ich nicht. Dieses Mal Russen bzw. sowjetische Soldaten. Auch sie sind viel zu viele. Hübsch sortiert sind sie, die Ranghöheren wurden einzeln beigesetzt, die einfachen Jungs kamen in Mehrfachgräber. Die Anlage ist gepflegt und saniert worden, im Frühling blüht es sicher auch hier sehr schön, es gibt bodendeckende Rosen, alte Bäume, ionische Säulen und eine bronzene Ehrenwache aus Soldaten aller Waffengattungen. Die Wache schaut heroisch, Wind in der Uniform, vorausschreitend oder strammstehend, auf jeden Fall richtige Kerle. Die echten, die unten liegen, hatten wahrscheinlich einfach nur die Hosen voll in dem Moment, als sie Ende April oder im Mai 45 noch einer abgeknallt hat, den sie vielleicht sonst selber abgeknallt hätten. Sie stanken und weinten, brüllten und schossen. Und sogar bei den Offizieren liegt wieder einer. неизвестный. Unbekannt.

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